Ich weiß, ich weiß. An jeder Ecke hören wir das Geschrei von mehr Digitalisierung… in der Bildung… in der Gesellschaft überhaupt… direkt am besten bei den Kindern damit anfangen? Perspektivwechsel: “Schützt unsere Kinder bloß vor digitalen Medien!”. Oder: “In der Kita sollen sie frei spielen und sich entfalten – ohne Apps und Tablet.” Kita Digital spricht genau dieses Spannungsfeld an. Was bringt uns eine digitalisierte Kita? Was heißt das überhaupt? Stellt sich – wie in anderen Bereichen – die Fragen nach dem ob schon längst nicht mehr, sondern eher nach dem vernünftigen wie?

Gemeinsam mit digi4family.at haben wir ein Webinar zum Thema “Chancen und Grenzen des Digitalen im Kindergarten” gestartet und uns dabei genau diesem Thema gewidmet. Kita Digital bewegt, das bekomme ich in der Arbeit für das Projekt DigiKids immer wieder zu spüren. Dementsprechend auch das Feedback auf den Post der Techniker auf Facebook zu unserer Veranstaltung.

Kita Digital – Das sagt die Social Media dazu

Diese Reaktionen zeigen, wie emotionsgeladen dieses Thema ist. Vieles davon liegt ein Trugschluss zugrunde. Nämlich der berühmten Frage nach dem ob. Die Frage, ob wir das gut finden, dass Kinder im Kindergarten-Alter Kontakt mit digitalen Medien haben, stellt sich doch gar nicht. Unsere Kinder sind schon längst direkt oder indirekt in Kontakt mit Smartphone und Tablet. Die wirkliche Frage ist also, wie  wir Ihnen den Umgang mit diesem Medien vermitteln und vorleben wollen?

Nicht jedes Kind braucht ein Tablet. Aber jede Erzieherin.

Damit wir uns näher mit Kita Digital beschäftigen können, sollten wir uns vor Augen führen, wie es aktuell in den Kitas aussieht. Das Mitführen von Smartphones und Tablets aus privatem Besitz ist für Erzieher_innen verboten. Die Geräte werden sprichwörtlich weggesperrt. Warum ist das so? Datenschutz und Persönlichkeitsrecht für Kinder im Netz sind im Prinzip erst jetzt wirklich ein Thema geworden. (Hier findet Ihr einen guten Artikel dazu.). Aus dem richtigen und verständlichen Impuls heraus, unsere Kinder vor der Verletzung ihrer Privatsphäre und Persönlichkeitsrechte zu schützen, haben wir alle Geräte mit Kamera und Internetzugang kompromisslos und kategorisch ausgeschlossen. Wir haben mit dem berühmten entweder oder reagiert.

Entweder oder ist keine brauchbare Entscheidungsgrundlage. Bei Kindern und digitaler Medienkonsum geht es vielmehr um ein sowohl als auch.

Jetzt wollen wir aber nicht alles hier so schwarz malen. In immer mehr Kitas gibt es Medienbeauftragte und sogar das ein oder andere Tablet erhält Einzug. Meist wird das Potenzial dieser Geräte jedoch nicht genutzt. Statt die Kinder auch in diese Prozesse miteinzubeziehen, werden sie ausgeschlossen. Ihnen wird die Chance der Partizipation genommen. Digitale Medieneinsatz ist also erstmal was, was über den Köpfen der Kinder hinweg passiert und nicht gemeinschaftlich und altersentsprechend transparent mit ihnen.

Kita Digital – das ist eine echte Chance für mehr Kind

Integrieren wir digitale Elemente sinnvoll in einen pädagogischen und organisatorischen Arbeitseinsatz, dann hat das für alle drei Beteiligten einen Mehrwert. Die Kita als erste Bildungseinrichtung im Leben eines Kindes soll im Idealfall im Kontext einer Trias aus:

  • Familie
  • Institution
  • Kind

bestehen.

Ein Zusammenspiel, ein gemeinsamer Austausch über kognitive Fortschritte, soziale und emotionale Entwicklungsstände sind essentielle Bestandteile für eine positive Entwicklung des Kindes. Diese wünschenswerte 3er-Bande steht jedoch leider viel zu oft lediglich auf dem Papier geschrieben und wird nicht gelebt.

Kita Digital – für Kind, Kita und Eltern

Eine echte Chance, die drei relevanten Säulen in der Kita-Pädagogik zusammenzubringen kann (auch) das Digitale sein. Wie kann das aussehen?

Kita

Für die Organisation und die dokumentarischen Abläufe hilft der smarte  Einsatz von digitalen Tools dabei, Arbeitsprozesse

  • leichter
  • direkter
  • erlebbarer

zu machen. Warum kann der Verlaufsbericht (Portfolio) nicht auch digital (Digital Portfolio) erfolgen? Warum kann ich, statt aufgeklebter Bilder auf DIN-A4-Seiten, nicht Bilder und Videos integrieren, die für Eltern ständig einsehbar sind? Die Zeit die Erzieher*innen für das Führen dieser Ordner aufwenden müssen, können sie so teilweise in eine gemeinschaftliche Interaktion mit den Kindern – um die geht es auch schließlich – digital erweitern.

Eltern

Ich unterstelle den allermeisten Eltern, dass sie ein großes Interesse an ihren Kindern haben. Welche Entwicklungsschritte das Kind in der Kita macht, sind dabei aus dem ganz natürlichen Interesse heraus wichtig mitzuverfolgen. Auch hier kann das Digitale unterstützen. Ein Digitales Portfolio kann dabei helfen, in einer Welt in der Eltern auch beide berufstätig sind / sein müssen und dadurch Kita-Präsenz eher ein Staffellauf, als ein Familienausflug ist, auch das Elternteil im Prozess mitzunehmen, dass nicht vor Ort sein kann. Mit einem Digitales Portfolio kann ich mir dann nämlich auch anschauen, wie der Laternenzug meines Kindes war, auch wenn ich nicht dabei sein konnte. Wieso machen wir eigentlich bei den Eltern Schluss? “Ein Kind braucht einen Clan” sagt Nicola Schmidt von artgerecht völlig richtigerweise. Was ist mit den Großeltern? Den Patentanten und Onkeln? Was ist mit Tante Jutta die 500 KM weit entfernt wohnt und mit der Nachbarin, die mindestens einmal in der Woche auf das Kind aufpasst und auch sonst eine enge Bindung zum ihm hat? Dieses “Erziehungs-Dorf” kann miterleben, was mit dem Kind passiert. Verstehen wir die hier thematisierte Trias wirklich, dann ist es für mich auch folgerichtig, das Inhalte aus dem Familienleben mit der Kita geteilt werden (können).

Kind

Durch digitale = vernetzende Elemente, wird ein Verlaufsbericht nicht wie bisher über, sondern mit dem Kind erstellt. Gemeinsam und partizipativ. Das Kind kann aktiv mitgestalten und (mit)entscheiden, welche Inhalte im Portfolio zu sehen sind.

Unsere Kinder können mit einer digitalen Kita wieder mehr im Fokus stehen. Wir brauchen ein buntes und großflächig gemaltes Bild, um die kleinen Persönlichkeiten bestmöglich zu verstehen und in ihrer individuellen Entwicklung optimal zu begleiten.

Wie Ihr hier in diesem Artikel vielleicht herauslest, ist das Thema Kita Digital ein ganz Großes. Es gibt viel zu viele Ebenen und Blickwinkel, um sie in einen Blog-Artikel zu packen. Dieser hier soll der erste Impuls sein, um ein Neu-, Weiter-, Umdenken zu diesem Thema anzuregen und Lust darauf zu machen, auch mal irritiert zu werden.

Hier findet Ihr das Video zum Webinar “Chancen und Grenzen des Digitalen in der Kita”.

Zum Schluss möchte ich Euch noch auf unser Webinar hinweisen, dass wir mit dem Titel “Privatsphäre und Persönlichkeitsrechte von Kindern im Netz” noch 2017 starten werden. Weitere Infos folgen.

Euch hat der Artikel gefallen? Ihr wollt mehr dazu lesen oder sehen? Ihr habt ein Thema, zu dem wir was machen sollen? Na, gerne. Her damit…